Aus aktuellem Anlass gebe ich hier wichtige Hinweise zur Verwendung von, bereits in anderen Büchsen abgeschossenen Hülsen in neuen Gewehren, insbesondere solcher mit Minimallagern, welche bei STL-Büchsen Standard sind.

Serienhersteller verwenden in der Fertigung Patronenlagerreibahlen die maßlich deutlich über dem so genannten Minimalmaß des Patronenlagers nach CIP liegen. So ist es möglich Reibahlen, die bei der Fertigung stumpf geworden sind, mehrmals nachzuschleifen und damit erhebliche Werkzeugkosten einzusparen.

Minimallager haben, wie schon der Name vermuten lässt minimale Abmaße, damit die Patrone im Lager optimal geführt und zentriert wird. Das wirkt sich positiv auf die Präzision des jeweiligen Laufs aus. Wenn eine Minimallagerreibahle stumpf geworden ist, kann sie nur noch in die Schrottkiste, eine Nacharbeit ist nicht möglich. Deshalb scheuen die meisten Hersteller die Verwendung von Minimallagerreibahlen. Solche speziellen Reibahlen kommen in der Praxis ausschließlich bei hochwertigen Custombüchsen zum Einsatz.

Aus den aufgezeigten Gründen ist es logisch, dass eine Hülse, die in einem Gewehr mit einem größeren Lager abgeschossen wurde sich entsprechend ausgedehnt hat und nicht wirklich in ein Minimallager passen kann. Diesen Effekt kann man mit dem so genannten Vollkalibrieren mit einer Vollkalibriermatrize rückgängig machen und die Hülse auf das CIP Maximalmaß zurück formen. Wenn dieser Vorgang ordnungsgemäß durchgeführt wird, können bereits gebrauchte Hülsen durchaus in einem Minimallager zum Einsatz kommen.
Allerdings fehlt mir das Verständnis dafür, dass auf der einen Seite in eine hochwertige Präzisionsbüchse investiert wird, um dann an den Hülsen zu sparen. Ein optimales Ergebnis ist so eher nicht zu erreichen. Darüber hinaus birgt das Rekalibrieren von Hülsen ein nicht zu unterschätzendes Risiko.
Und jetzt komme ich auf den Punkt:

ES REICHT NICHT, GEBRAUCHTHÜLSEN IN EINE VOLLKALIBRIERMATRIZE ZU DRÜCKEN UND DIESE DANN ZU VERLADEN!!!

Warum ist das so?

Unter den Wiederladern, die wirklich wissen was sie tun ist bekannt, dass viele der Wiederladewerkzeuge, egal wo sie herkommen, von welcher Marke sie stammen, oder was immer sie auch gekostet haben, nicht maßhaltig sind. Das gilt insbesondere auch für Matrizen. Das ist einfach Fakt. Daher müssen in jedem Fall die Zwischenschritte und Arbeitsergebnisse beim Wiederladen von Patronen sorgfältig überprüft werden. Nur so ist eine qualitativ hochwertige Patrone herzustellen und die Sicherheit beim Schuss sowie die Funktion sicherzustellen.

In zwei zeitnahen Fällen hat sich (wieder einmal) folgendes zugetragen:
Zwei Wiederlader, einer hat Jagdpatronen im Kaliber 7×64 Brenneke geladen, der andere Sportpatronen im Kaliber .338 Lapua Magnum, haben dabei gebrauchte Hülsen aus anderen Büchsen verwendet und diese im Vorfeld vollkalibriert. Die Verwendung der Vollkalibriermatrizen alleine hatte aber nicht das erwünschte Ergebnis gebracht, da in wenigstens einem Fall die Matrize, welche ich vermessen konnte, übermaßig war und die Hülsen somit nicht auf das erforderliche Minimalmaß kalibriert worden waren. So etwas kann durchaus auch durch nicht korrektes Einstellen der Matrize passieren.
In beiden Fällen wurden die Hülsen im Anschluss nicht auf Maßhaltigkeit überprüft, geladen und letztendlich verladen und abgefeuert. Und nun begannen (wieder einmal) Dramen.

Mit Hilfe der Schließschrägen am System und Muskelkraft wurden die im Durchmesser zu großen Patronen in die Minimalpatronenlager gedrückt und……. da steckten die Hülsen nach dem Schuß dann, wie bei einem Steilkegel üblich richtig fest.
In einem Fall kam der Kunde mit der Büchse zu mir und ließ sich die Hülse entfernen. Wie das genau gemacht wird werde ich hier nicht beschreiben, um den Einen oder Anderen vor unsachgemäßer Arbeit und deren Folgen zu bewahren. Ich rate dringend sich in einem solchen Fall mit der betroffenen Büchse an einen Fachmann zu wenden, um größere Schäden zu vermeiden.
Folgen unsachgemäßer Reparaturversuche können sehr kostspielig werden und im Extremfall zur Zerstörung der Büchse führen. Abgerissene Kammerstängel, defekte Auszieher und gerissene Ausziehernuten gehörten eher zu den kleineren Schäden, die mir durch Eigenreparaturversuche schon untergekommen sind.
Im zweiten Fall, dem der .338, konnte die Hülse ebenfalls entfernt werden. Der Schütze wurde, wie auch der andere, auf die Problematik und die Ursache hingewiesen und mit der Empfehlung zur Investition in einen neuen Satz Hülsen, vorzugsweise von Lapua, nach Hause verabschiedet.

Und nun muss ich meinem Unmut einmal Luft machen:
Dass die selbe Person ein paar Tage später trotz ausführlicher Erklärung und eindeutiger Warnung von zwei erfahrenen Wiederladern und anerkannten Fachleuten die selbe Munition noch einmal verwendet hat und die nächste Hülse erwartungsgemäß wieder feststeckte, ist nur schwer vorstellbar, aber genau so erfolgt und ein Paradebeispiel von Beratungsresistenz, Selbstüberschätzung und Ignoranz eines Zeitgenossen, der sich sein Halbwissen offensichtlich in Internetforen angelesen hat.

Um es auf den Punkt zu bringen:

In Minimallager die nach CIP gefertigt sind passen in jedem Fall IMMER Patronen, welche nach CIP gefertigt sind. Dies gilt sowohl für wiedergeladene als auch für industriell hergestellte Patronen aus dem Handel.
Da ich nach dem Gesetz nur staatlich beschossene Büchsen in Verkehr bringe können meine Kunden davon ausgehen, dass die Minimallager meiner Büchsen der CIP entsprechen. Die Überprüfung der Maßhaltigkeit ist fester Bestandteil des staatlichen Beschusses.

SOMIT IST NACHZUVOLLZIEHEN DASS FESTSTECKENDE HÜLSEN, BEZIEHUNGSWEISE DIE DARAUS RESULTIERENDEN SCHÄDEN, REPARATUR- UND MATERIALKOSTEN NICHT UNTER DIE GARANTIE ODER GEWÄHRLEISTUNG FALLEN UND IN JEDEM FALL VOM VERURSACHER ZU TRAGEN SIND!

Bei weitem nicht jeder, der eine Wiederladeerlaubnis hat ist in der Lage gute, maßhaltige und sichere Munition herzustellen. Daher empfehle ich im Zweifelsfall immer auf die Ratschläge und Hinweise von erfahrenen Wiederladern zu hören und sich entsprechend fortzubilden. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit seine Patronen bei den Beschussämtern oder der DEVA sowohl maßlich als auch hinsichtlich des Gasdrucks überprüfen zu lassen. Die Kosten dafür sind überschaubar und der Erkenntnisgewinn unbezahlbar.

– Manfred Schmitt